Renaissance oder Ethnosynthese? (4)

Und noch eine Fortsetzung der Randbemerkungen zu Simon Kießlings Essay „Das neue Volk“


WER SIND WIR? – Es wird immer mal wieder – insbesondere von konservativer oder rechter Seite – auf das Desiderat eines nationalen Mythos hingewiesen, eines verbindenden, gemeinschaftsstiftenden Narrativs im Dienste des mentalen Nation Buildings. Denn abgesehen davon, dass Deutschland eine sich abschaffende Nation ist, ist es eigentlich immer noch eine Nation im Werden. Könnte es zumindest sein.

Auch Kießlings „neues Volk“ bedarf eines „positiven Mythos“, einer „inspirierenden Erzählung“, einer „zündenden Idee.“ Statt aber „alte Mythen auszugraben und alte Lieder zu singen, gilt es, diejenigen zu sammeln, die für einen neuen gemeinschaftsbildenden Mythos empfänglich sind, der allein imstande sein wird, einen neuen Volkszusammenhang geistig zu tragen […]. (S.72 f.)
Wie dieser Mythos aussehen könnte, wird nicht gesagt. Was einerseits natürlich ziemlich unbefriedigend, andererseits aber nun mal dem Wesen der Sache angemessen ist, denn bei solchen Gärprozessen im Zauberkessel des kollektiven Unbewussten ist alles Planen und Vorausberechnen zwecklos. (Und eben diese „psycho-alchymische“ Eigendynamik unterscheidet den Mythos als Ur- und Fundamentalnarrativ von irgendwelchen ausgedachten und politmedial lancierten Deko-Narrativen, die den Gegenwarts-Deutschen in History-Dokus und Präsidentenreden zu gelegentlicher Verwendung anheimgegeben werden. Man kann einen echten nationalen Mythos eben nicht machen, nicht irgendwie fabrizieren, und einem geistig entkernten Volk überziehen, das sich aus sich heraus nichts mehr zu erzählen weiß.)

Davon abgesehen aber ist es meines Erachtens ein Missverständnis, dass dem Mythos gemeinschaftsbildende Funktion zukomme. Der Mythos ist retrospektiv, er hilft der Gemeinschaft, sich rückblickend ihrer Herkunft und ihres Daseinsgrunds zu vergewissern. Er ist höchstens gemeinschaftserhaltend. In statu nascendi, im „Moment“ der Ethnogenese, ist er noch gar nicht wirksam, weil er halt noch gar nicht da ist. Die Gemeinschaft als vorsätzlicher Zusammenschluss, als neues Volk und willensnationale Lebenspartnerschaft (also im Gegensatz zur natürlichen Nation als Abstammungsgemeinschaft), bildet sich (also falls sie sich bildet) im Zug zu einem gemeinsamen Ziel. Der Mythos kommt erst später ins Spiel, viel später, wenn das Ziel erreicht ist und die Euphorie des Anfangs nachgelassen hat, ja, wenn der Hergang des Anfangs schon gar nicht mehr recht erinnerlich ist, er dient zur Stabilisierung des Erreichten, zur Autosuggestion und Selbstvergewisserung: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wie sind wir geworden, was wir sind, was erklärt das Rätsel unseres Da- und Soseins?
Die Frage dagegen, wer wir sein wollen, ist niemals Thema des Mythos.

Die potenziellen Anknüpfungspunkte, um die herum konservative Abendländer und aufbauwillige Migranten sich in Kießlings Entwurf vorsätzlich vergemeinschaften könnten (S. 81 f.), haben nichts Mythisches, es sind politische Präferenzen und (mehr oder weniger) rationale Einsichten und Entschlüsse: Prinzipien der Lebensführung, Einstellungen zum Verhältnis von Familie und Staat, Wunsch nach Sicherheit, Unwille sich zum Objekt diverser modischer Transformationen machen zu lassen, Wert- und Sittlichkeitsvorstellungen hinsichtlich Ehre, Spiritualität, Natur usf.
Wer sich anschickt, ein neues Volk zu synthetisieren, der braucht sich um Mythisches vorerst keine Gedanken zu machen. Wer hingegen ein altes Volk wiederbeleben will, der sollte durchaus einen Blick werfen auf die traumtiefen Glaubensgewissheiten neben den Läuften der Tage und Jahre, die unausgesprochenen Antworten auf Fragen, die sich in den Dämmerungen zwischen Ich und Du, in den Grenzgebieten zwischen Wir und Die aufzuwerfen pflegen, die Atmosphären, die Wolken der Unterschwelligkeit, die jedes Vegetativum um sich und mit sich trägt zur Klimatisierung des Selbst und des nachwachsenden Integrats.
Die kürzeste Antwort, die man den Kindern des Volkes geben kann, wenn sie einen nachts um drei aus dem Schlaf rütteln und fragen: „Wer sind wir?“, das ist im Kern der Mythos.


* * *


FAUSTUS – Man kann einen nationalen Mythos nicht machen. Auch heute, im Zeitalter der Massenmedien und der geballten Suggestionskraft von Filmen und Serien, reicht es nicht, eine interessante Geschichte zu erzählen, und sie dem Volk in pädagogisch ansprechender Form zu verabreichen. Klar, man kann sich etwas in der Machart von Game of Thrones vorstellen, eine bildgewaltige Serie, die nachhaltigen Eindruck hinterlässt und den zeitgenössischen Netflix-Menschen für die Nibelungen, Arminius, Karl den Großen, Barbarossa, Kaiser Friedrich II., Luther, Dürer, Goethe, Bismarck und wie sie alle heißen, begeistert. Aber so etwas käme lernpsychologisch immer zu spät.

Ein Mythos muss etwas ganz und gar Kindliches sein. Der Mythos weiß nichts von Überwältigung und dramatischer, effektheischender Megaproduktion. Der Mythos braucht keine 60-stündige epische Gewalt-Sex-Verrat-Zombie-und-Drachen-Orgie in Ultra-HD. Er darf kein Spektakel für Erwachsene sein. Er muss so beschaffen sein, dass er als Kern und Keim ins wachsende Gemüt eingepflanzt werden kann, mit ein paar Sätzen, ein paar ernsten Gesten, und nach und nach auch mit Bildern, die noch genug Platz lassen für die eigene Phantasie. Der ausbebilderte, detailliert durchillustrierte Mythos ist tot.

Es gibt von konservativer Seite immer mal wieder Vorschläge, den deutschen Mythos fürs Heute aus irgendwelchen feierlichen oder sonstwie positiv emotional besetzten Geschichtserinnerungen zu basteln. Meist liegen solche Entwürfe auf der Linie all der wackeren Degeto-Eichinger-Netflix-Produktionen der letzten Jahre, in denen uns manch Deutsches als Biopic, Dokudrama und History-Schmonzette nahegebracht wurde: Dresden, Flucht, Stasi, Steiff, Gustloff, Varusschlacht, Babylon und Schabbach, Ku’damm und Weißer Hirsch, die Manns, die Wagners, die Krupps, der Untergang, das Wirtschaftswunder, Manta und Ballermann, die Westfront, das Wunder von Bern, und so weiter.

All das ist aber recht abwegig, weil nicht wirklich mythopotent. Der Mythos muss ein Selbstverständnis, eine unhinterfragliche Ich-Aussage ermöglichen. Sobald das Kind „ich“ sagen kann, muss es eine mythische Identitätsaussage machen können. Okay, sagen wir: kurz danach. Also, im Ernst: Wenn das Kind anfängt, sich als Deutscher zu begreifen, als Teil von etwas Größerem als Familie, Verein, Gemeinde, Dorf, Stadt, dann muss es mit diesem Deutschsein unmittelbar etwas verbinden, etwas, was ihm nicht erst Jahre später in der Schule durch Lerninhalte oder durch Filmbilder auf dem Fernsehschirm medial vermittelt werden kann.
Niemand kann ernsthaft von sich und seiner Identität aussagen: „Ich bin Deutscher, denn meine Vorfahren haben das Wirtschaftswunder vollbracht.“
Oder: „Ich bin Deutscher, meine Ahnen waren die Väter und Mütter des Grundgesetzes.“
Oder: „Ich bin Deutscher, mein Urgroßvater hat in der Wehrmacht gekämpft, war aber trotzdem ein Guter.“
Oder: „Ich bin Deutscher, ich habe die Wiedervereinigung erlebt.“
Oder: „Ich bin Deutscher, meine Oma hat das Wunder von Bern erlebt, also sie hat in der Zeitung davon gelesen und sich dann gefreut, dass wir wieder wer waren.“

Der einzige glaubhafte Mythos der Deutschen, der, der ja eigentlich ohnehin schon da ist, der gar nicht erst geschaffen werden muss, sondern nur aktiviert, ja, im Grund nur vollständig zugelassen werden muss, das ist der Mythos vom zweigesichtigen Volk, das ist der Mythos vom zweiherzigen, binarisch beseelten Menschen, vom besonderen, begabten und geheimnisvollen Menschen, vom begnadeten und verdammten Menschen, vom extremen und unberechenbaren, vom auserwählten und gefährdeten Menschen, der Mythos vom Sonderwegs-Volk, in den sich alles, was die deutsche Geschichte im Guten wie im Bösen ausmacht, sinnig und stimmig integrieren lässt.

Der Mythos wäre da. Man nutzt ihn nicht, jedenfalls nicht zur Gänze, man kennt ja nur die eine Hälfte, die düstere, und auch die kennt man nur in oberflächlich-verkitschter Version, man kennt sie in unendlich ausgewalzter Form, extensiv bis zum Überdruss, aber nicht intensiv und innerlich, wie man es bei echter mythischer Substanz erwarten würde, die eine urgründliche und unerschütterliche Antwort auf die Frage liefert, wer wir sind.
Der deutsche Oberflächenmythos liefert nur gelernte Schlagworte und Lippenbekenntnisse: Hitler, Holocaust, Auschwitz. Damit ist die aktuelle deutsche Selbstdeutung schon einigermaßen vollständig umrissen. Es ist die verhunzte, verkümmerte, amputierte Version des großen deutschen Mythos, von dem wir seit Thomas Manns letzter Neugestaltung vor achtzig Jahren nichts mehr wissen wollen – ich rede vom Doktor Faustus.

Faust ist der Mythos des deutschen Menschen der Neuzeit, „dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug“. Der Mythos wohl auch des abendländischen Menschen überhaupt, der im Eifer der Innovation, der permanenten produktiven Grenzüberschreitung, der Kunstüberbietung, der Austestung des Äußersten, nicht merkt, wo die Hybris beginnt, wo die Hölle sich auftut. Und schlimmer noch: der es sehr wohl merkt, aber den Horror sehenden Auges in Kauf nimmt, des fürwitzigen „Plus ultra!“ und der postparadiesischen Göttlichkeit wegen.
Soll man so etwas reaktivieren? Sollte man das wollen?
Nun, wenn man das Risiko der Ganzwerdung, der Reifung zum ungeschönten Realismus eingehen will, dann auf jeden Fall.

Die Deutschen – falls es sie noch gibt … und das frage ich nicht einfach so boshaft daher, ich bin wirklich nicht sicher, ob diese jahrzehntelang umgekrempelten und zweckentfremdeten Seelenmassen wesenhaft noch irgendetwas zu tun haben mit den Deutschen von vor hundert, hundertfünfzig Jahren, und zwar ganz ungeachtet aller migrationsbedingten Verdünnung, rein kulturell-mental-charakterlich – sie müssten aufwachsen mit dem identitären Gefühl hoher Bevorteilung und ständiger Gefährdung. Der wiederbelebte Deutsche müsste sich mythisch gewiss sein seiner Doppelnatur, seiner Möglichkeiten und Abgründe, und der Verantwortung, die daraus erwächst, dass er derart begnadet und abgründig veranlagt ist.
Kinder müssen in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie tickende Zeitbomben sind, Vampire und Werwölfe, Wesen also, die sich verwandeln können, wenn das Licht schwindet und die Gestirne gefährliche Konstellationen einnehmen. Eine dämonisch-monströse Kraft, die beherrscht werden muss, ein Talent, das auch Fluch ist, eine Seele, die jederzeit zum Höchsten wie zum Höllischsten ausschlagen kann.
Das wäre der Mythos, der möglich wäre, der Mythos, der eigentlich schon da ist. Man kann ihn zu aktivieren versuchen oder absterben lassen. Eine Frage der Entscheidung.

Der Trend zur Relativierung und Nivellierung der Deutschen, die Erzählung, wir seien mittlerweile „ein normales Volk wie alle anderen“, geht natürlich in die genau entgegengesetzte Richtung, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass diese Normalitäts- und Banalitäts-Erzählung sich nicht nur oberflächlich durchsetzt, sondern auch alle Reste von Deutschheit, die in Einzelnen noch schlummern mögen, völlig verdorren lässt.


* * *


KREUZ, TOD UND GRUFT – Übrigens ist bei all dem zu bedenken, dass weiteste Teile des Volkes keinen Schimmer haben, wer dieser Faustus eigentlich ist. Das fiel mir vor Jahren bei einem Comedian auf, der im Interview von sich sagte, sein Markenzeichen sei dieses irgendwie Faustische … was ja nicht nur in seiner Frisur zum Ausdruck komme, sondern auch in seiner maliziösen Art …. Da wurde mir klar, dass er wohl dachte, Faust sei Mephisto. Er hatte zum ganzen Thema Faust nur das Bild vom teuflisch grinsenden Gründgens im Kopf, und da dachte er, das sei dann wohl dieser Faust. Und ich fürchte, dass die meisten Deutschen das denken.

Wenn man in einer beliebigen Fußgängerzone oder einer beliebigen Universität oder einer beliebigen Schrebergartensiedlung eine Tafel mit zehn Kostümporträts von Theaterschauspielern zeigen würde – zum Beispiel Curd Jürgens als Galilei, Maximilian Schell als Hamlet, Attila Hörbiger als Jedermann, Alexander Golling als Heinrich VIII. und so weiter, und darunter eben auch Will Quadflieg als Faust und Gründgens als Mephisto – und dann würde man die Leute auffordern, spontan auf den Faust zu zeigen, dann würden wieviel Prozent auf den Gründgens-Mephisto zeigen? Ich schätze mal, etwa 90 Prozent.

Interessant kann man daran nun wiederum finden, dass dieses Missverständnis eine tiefenpsychologische Wahrheit zum Ausdruck bringt, nämlich die besagte Zwei-Seelen-Wahrheit, oder präziser: die Zwei-Erscheinungsformen-und-zwei-Realisierungsoptionen-Wahrheit. Denn natürlich ist Mephisto Faust, so wie jeder Teufel und jeder Gott Unter- und Über-Ich dessen ist, von dem er für anwesend und ansprechbar gehalten wird. Sollte der Faust irgendwann noch mal verfilmt werden, müssten beide Figuren, Protagonist und Antagonist, der Sucher und der Versucher unbedingt von einem Schauspieler verkörpert werden.

Kann das Volk überhaupt „faustisch“ sein? Wohl kaum … letztlich ist der Faust doch ein zutiefst elitärer Mythos, ein Mythos für den Studierstuben-Schwächling, den vergrübelten Schwarzkünstler, den genialischen armen Toren, kurz: den geistigen Menschen, der es schwer hat in der Welt. Gott, was weiß das Volk von Teufelspakten um der Erkenntnis, der Inspiration willen … das Volk verschreibt sich dem Teufel für Gold und feist gedeckte Tische. „Die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft“[13] – das sind Sonderlingsreime, die nur in den Seelen entlaufener Philologiestudenten Sinn ergeben.

Und ohnehin ist die Zeit des Mythenwebens lange vorbei. Vielleicht kommt sie einmal wieder. Aber aktuell und akut braucht das Volk zur Revitalisierung wohl weniger einen neuen Mythenglauben, als vielmehr eine neue Medienrealität.


Fortsetzung folgt (eine noch) …

 

 

[13]  Nietzsche im Oktober 1868 an Rohde: „Mir behagt an Wagner, was mir an Schopenhauer behagt, die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft usw.“

 

 

Förderungsfolgenbelehrung:

Wenn Sie meine Arbeit finanziell fördern möchten und damit das Risiko eingehen wollen, auf diesen Seiten zukünftig nur noch Fantasien über den Klang des Abendlichts im Piniengeäst der Vatikanischen Gärten zu finden, oder Elogen auf die Graffitilosigkeit der Budapester Boulevards, oder Idyllen aus Matamata – denn, wenn genug Geld zusammenkommt, dann bin ich ruckzuck raus aus diesem düsterdeutschen Siechenhaus und irgendwoanders auf diesem Planeten, irgendwo, wo das Volk weniger selbstzerstörerisch und zerfremdungssüchtig, weniger verschwinderisch und schmerzgenüsslich, weniger gripsreduziert und gemütsamputiert, weniger ratiophob und prollophil, mit einem Wort: weniger deprimierend, mit einem andern Wort: weniger deutsch ist, und dann werde ich den Teufel tun, noch einen Gedanken oder gar einen ausformulierten Text an mein hoffnungslos verhunztes Heimatland oder gar an seine Insassen zu verschwenden –, wenn Sie sich also der möglichen Folgen Ihres Tuns bewusst sind, nun denn, bitte, so tun Sie, was Sie tun müssen, und zwar mithilfe dieser Kontodaten:

Marcus J. Ludwig

DE85 4305 0001 0144 0608 29

WELADEDBOC1

Nur sagen Sie nachher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt …

Mille Grazie, Nagyon szépen köszönjük und Ka nui te mihi!

 

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